Pluto gilt nicht mehr als Planet
Die Beschlüsse der IAU-Vollversammlung vom 24. August 2006

Antonius Schrode, Frankfurt am Main 2006


1. Die frühere Bedeutung des Begriffs Planet

Der Begriff Planet leitet sich aus dem altgriechischen Wort planetes für die Umherschweifenden ab. Dem entsprechend werden die Planeten im Deutschen oft Wandelsterne genannt. Diese Bezeichnungen sind darauf zurückzuführen, dass Planeten von der Erde aus betrachtet sich deutlich sichtbar zwischen den so genannten Fixsternen bewegen, während letztere festzustehen scheinen, also ihre gegenseitigen Positionen beibehalten.

Nikolaus Kopernikus (14731543) erkannte, dass die Planeten um die Sonne kreisen und auch die Erde den Planeten zuzurechnen ist. Johannes Kepler (15711630) konnte zeigen, dass die Bahnen der Planeten Ellipsen sind, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht. Bis zum 18. Jahrhundert kannte man außer der Erde die mit bloßem Auge sichtbaren Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Im Jahre 1781 entdeckte William Herschel (17381822) den Planeten Uranus und im Jahre 1846 Johann Gottfried Galle (18121910) den Planeten Neptun. Erst im Jahre 1930 kam durch die Entdeckung durch Clyde Tombaugh (19061997) Pluto als neunter Planet hinzu.


2. Pluto fällt aus der Rolle

Doch erkannte man bald, dass Pluto aufgrund mehrerer seiner Merkmale nicht so recht in das Schema der Planeten passte. Während die anderen äußeren Planeten riesige Gasplaneten mit großen Massen sind, erwies sich Pluto als kleiner Körper mit einer festen Oberfläche. Seine Masse und sein Durchmesser wurden nach seiner Entdeckung immer weiter nach unten korrigiert. Im Jahre 1968 schätzte man seine Masse noch auf ein Fünftel der Erdmasse. Doch mit einem tatsächlichen Durchmesser von 2.284 km ist er nur etwa halb so groß wie der nächstgrößere Planet Merkur (4.878 km) und sogar kleiner als unser Mond (3.476 km). Seine tatsächliche Masse beläuft sich auf 0,0021 Erdmassen. Aus der Rolle fällt er auch wegen seiner stark exzentrischen Bahn. Sein Abstand von der Sonne beträgt im Aphel 39,5 AE und im Perihel 29,7 AE, und er befindet sich zeitweise sogar näher an der Sonne als Neptun (z.B. von Februar 1971 bis Februar 1999). Dazu kommt schließlich die auffallend große Bahnneigung Plutos gegen die Ekliptik von über 17°. Die nächstgrößere Bahnneigung hat Merkur mit 7°.


3. Trans-Neptun-Objekte

Das Unbehagen über die Außenseiterrolle Plutos veranlasste bereits in den Jahrzehnten nach seiner Entdeckung mehrere Astronomen (Frederick C. Leonard 1930, Kenneth Edgeworth 1947, Gerard Peter Kuiper 1951) zu der Annahme, dass es jenseits der Neptunbahn viele, möglicherweise Tausende kleinerer Körper geben könnte. Mit den Fortschritten der Beobachtungstechnik gelang es ab dem Jahre 1992 tatsächlich, die ersten derartigen TNOs (= Trans-Neptun-Objekte) zu entdecken. Im Jahre 2003 wurde ein TNO entdeckt, das mit einem Durchmesser von 3.000 ± 300 km sogar größer ist als Pluto. Seine Bezeichnung lautet 2003 UB313, von seinen Entdeckern vorläufig Xena getauft. Dieses Objekt nähert sich der Sonne bis auf 38 AE und entfernt sich bis auf 97 AE. Seine Umlaufzeit beträgt 560 Jahre, seine Bahnneigung 44°. Mittlerweile sind ca. 800 TNOs bekannt, und die Astronomen schätzen, dass in dieser Region außerhalb der Neptunbahn, die auch als Kuiper-Gürtel bezeichnet wird, über 70.000 Objekte mit Durchmessern von mehr als 100 km existieren.


4. Neudefinition durch die IAU vom 24. August 2006

Vor einer ähnlichen Situation standen die Astronomen auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach der Entdeckung des Asteroiden Ceres, der sich zwischen Mars und Jupiter um die Sonne bewegt. Dieser damals auf knapp 1.000 km Durchmesser geschätzte Lichtpunkt wurde sogleich als achter Planet der Neptun war zu dieser Zeit noch nicht entdeckt bezeichnet. Doch musste man diese Einstufung bald wieder rückgängig machen. Stattdessen führten die Astronomen den Begriff Asteroiden ein für die vielen Zehntausend Kleinplaneten zwischen Mars und Jupiter.

Auf der 16. Vollversammlung der Internationalen Astronomischen Union (IAU) in Prag verfuhren die dort anwesenden 2.500 Astronomen am 24. August 2006 in ähnlicher Weise, indem sie Pluto seinen Planetenstatus aberkannten und ihn der Gruppe der TNOs zuordneten. Dazu war es notwendig, den historisch gewachsenen Begriff Planet anhand wissenschaftlicher Kriterien neu zu definieren. Folgende Beschlüsse wurden gefasst:

 Beschluss 5A

Die IAU beschließt, Planeten und andere Körper in unserem Sonnensystem auf folgende Weise in drei gesonderte Kategorien neu zu gliedern:

(1)

Ein Planet ist ein Himmelskörper, der (a) sich um die Sonne bewegt, (b) genügend Masse besitzt, um als Folge seiner Eigengravitation eine ungefähr kugelförmige Gestalt zu haben, und (c) die Nachbarschaft seiner Bahn von anderen Massen freigeräumt hat. Die acht Planeten sind: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun.

(2)

Ein Zwergplanet ist ein Himmelskörper, der (a) sich um die Sonne bewegt, (b) genügend Masse besitzt, um als Folge seiner Eigengravitation eine ungefähr kugelförmige Gestalt zu haben, (c) die Nachbarschaft seiner Bahn nicht von anderen Massen freigeräumt hat und (d) kein Mond ist.

(3)

Alle anderen Objekte, die sich um die Sonne bewegen, außer Monde, werden gemeinsam als Kleinkörper des Sonnensystems bezeichnet. Dazu zählen gegenwärtig die meisten Asteroiden des Sonnensystems, die meisten Trans-Neptun-Objekte (TNOs), Kometen und andere kleine Körper.

Beschluss 6A

Gemäß obiger Definition ist Pluto ein Zwergplanet und wird als Prototyp einer neuen Kategorie innerhalb der Trans-Neptun-Objekte betrachtet.

 

5. Folgerungen

Für manchen, der sein Leben lang mit einer Zahl von neun Planeten vertraut war, mag es jetzt etwas ungewohnt erscheinen, dass es nun nur noch acht Planeten gibt und dass der in vieler Hinsicht interessante Pluto zum Zwergplaneten herabgestuft wurde. Dennoch sind die Beschlüsse der IAU zu begrüßen; denn wo sollte man sonst aufhören, weitere große TNOs in die Planetenfamilie aufzunehmen?

Allen Pluto-Fans sei gesagt: Es gibt keinen Grund, das Interesse von Pluto abzuwenden. 1978 entdeckte man seinen Mond Charon, der mit 1.207 km Durchmesser im Vergleich zu Pluto ungewöhnlich groß ist. Zwei weitere, im Jahre 2005 mit dem Hubble Space Telescope endeckte Monde Plutos, die auf die Namen Nix und Hydra getauft wurden, haben Durchmesser von 32 bzw. 70 km. Am 19. Januar 2006 erfolgte der Start der Pluto-Sonde New Horizons, die das Pluto-Charon-System am 14. Juli 2015 erreichen soll.


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